Wie erwartet bot der Donnerstag einen Blick bei Tageslicht auf das Geschehen auf dem Festivalgelaende; ob dies den Eindruck nun unbedingt verbesserte oder eher ins Negative zog… da will ich mich nicht so recht entscheiden. Jedenfalls war dies nun der erste mehr oder weniger komplette Festivaltag (auch wenn man sicherlich noch ein gutes Stueck frueher vor Ort haette sein koennen).

Wie bereits angedeutet, ist es wirklich der Weg bis hin zur Buehne, welcher nicht unterschaetzt werden sollte; der Bus faehrt zwar recht regelmaessig (und mit einigermassen vorhersehbarer Fahrtzeit), aber es bleibt dann immer noch der Fussweg (will heissen die Schlammtrasse) vom Eingang am Ortsrand bis hin zum eigentlichen Eingang auf das Festvial-Gelaende. Aus einem mir nicht erfindlichen Grunde ist dies so angelegt, dass man zunaechst einmal ueber eines der Camping-Areale laufen muss, um ueberhaupt zu einem der beiden Eingaenge zu kommen (die ganze Aufteilung ist wahrscheinlich vor allen Dingen fuer die Camper optimiert) – auf einem normalen Feld waere dies sicherlich kein Act, aber unter den gegebenen Umstaenden ist dies eine echte Herausforderung. Ich muesste mir wahrscheinlich einfach mal den Spass erlauben und eine Karte von dem Gelaende zur Hand nehmen, um besser darlegen zu koennen, wo wir da unterwegs waren.

Musikalisch konnte ich am zweiten Tag wohl am meisten “abarbeiten”:

Time Stage Band
Donnerstag, 30. Juli 2015    
13:55 - 14:15 Headbanger Stage SHIRAZ LANE
14:20 - 14:40 W.E.T. Stage DREAM SPIRIT
16:00 - 17:30 True Metal Stage U.D.O. with Bundeswehr Musikkorps
18:15 - 18:35 W.E.T. Stage METAPRISM
21:45 - 00:00 Black Stage SAVATAGE
21:45 - 00:00 True Metal Stage TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA
     

Was von der urspruenglichen Planung her leider hinten runter fiel waren Walkways (Israel), da sich deren Auftritt komplett mit dem von U.D.D. ueberschnitt. Ich hatte zwar noch ueberlegt, eventuell nach einer Weile die Buehne zu wechseln (auch das in diesem Jahr angesichts der Wetterverhaeltnisse eine Herausforderung), aber da das, was der Herr Dirkschneider da darbot so gut war, wollte ich mich da nicht wegbewegen… und habe daher die Walkways auf die Post-Wacken Liste gesetzt.

Dream Spirit

Den Einstieg habe ich an der Stelle wieder aufgenommen, wo wir die letzte Nacht aufgehoert hatten – vor der “Headbanger Stage” in dem grossen Zelt (will heissen: zumindest von oben trocken!). Beir der Vorbereitung waren mir Dream Spirit (China) sehr positiv aufgefallen, so dass ich mir die Truppe unbedingt live anschauen wollte. Auch wenn Wacken sehr international besetzt ist, so gibt es doch einige gemeinsame Nenner: weitestgehend westlich beeinflusste, vorwiegend englischsprachige Musik. Genau vor diesem Hintergrund versprachen Dream Spirit eine vollkommene Abwechselung:

The sonorous and clear voice of the lead singer, and traditional heavy metal guitar riffing, volley back and forth within Chinese folk-inspired melodies. Together with artful, poetic lyrics, the band is shaping up to be a metal band with an exquisite Chinese style!

War nicht zu viel versprochen, denn neben U.D.O. war dies wohl die originellste musikalische Darbietung, welche ich auf dem Festival zu hoeren bekommen habe. Das schoene daran war vor allen Dingen, dass die traditionellen Einfluesse sehr natuerlich in die Musik eingewoben sind: bei so manchen anderen Versuchen wirkt es mitunter ein wenig gezwungen, so dass sich die unterschiedlichen musikalischen Einfluesse nicht richtig miteinander verbinden – nicht so aber bei Dream Spirit, wo einfach alles sehr schoen aus einem Guss klang. Hinzu kommt noch, dass die Buehnenpraesenz der Musiker sich deutlich von der anderer Bands unterschied: die Art der Koerpersprache und Gesichtsausdruecke – halt eben die physische Artikulation beim Musizieren – war noch einmal eine ganz eigene Sache. Definitiv ein Anspieltip!

Shiraz Lane

Mehr durch Zufall – weil ich deutlich zu frueh im Zelt eingetroffen war – hatte ich den Tag aber mit Shiraz Lane (Finland) begonnen. Die Jungs sind allesamt Anfang 20 (was man ihnen vor allen Dingen von den Gesichtern her ansieht, so dass man sich im ersten Moment fragen koennte, ob sich da eine Boyband in der Buehne vertan hat), scheinen aber schon reichlich Erfahrung auf Tour gesammelt zu haben. Letzteres ist deutlich zu spueren, sobald die Jungs loslegen und so richtig abrocken: sehr solide und mit einem guten Gespuer fuer die Interaktion mit dem Publikum. Einen grossen Anteil an der Stimmung hat der Saenger, welcher mich von der Art zu Singen und der Koerpersprache durchaus ein wenig an Timo Kotipelko von Stratovarius erinnerte (die Parallele wuerde ich jetzt in Bezug auf die Musik allerdings nicht ziehen): stilistisch erinnert dies deutlich mehr an den Hardrock aus der Hochphase von Guns ‘n’ Roses und Co (was jetzt aber nicht als eine Abwertung zu verstehen sein soll) und damit definitiv partytauglich.

Metaprism

Ueberhaupt habe ich den Donnerstag doch eine ganze Weile im Zelt bei der “Headbanger Stage” und der “W.E.T. Stage” zugebracht: dies liegt einfach daran, dass dort an den ersten zwei Tagen vor allen Dingen juengere Band spielten, von welchen ich bisher noch nie gehoert habe, so dass es hier einfach die Gelegenheit gab Neues zu entdecken. Genau in diese Kategorie fiel fuer mich auch Metaprism (UK):

The band METAPRISM define ‘Beauty and the Beast’ with their unique brand of melodic and progressive metal. With a combination of female and male vocals their huge sound blends face melting aggression whilst still assaulting audiences with soaring melodies.

Die Kombination von zwei Saengern funktioniert wirklich sehr gut und verleiht der Musik eine zusaetzliche Lebendigkeit, welche vor allen Dingen live sehr gut rueberkommt. Ich denken mal die Truppe lohnt es sich in jedem Fall mal unter Beobachtung zu halten, denn von den Kompositionen scheint da noch einiges an Luft nach oben drin zu sein.

U.D.O.

Vom Gesamteindruck (inklusive der Nachwirkung) war aber wohl der Auftritt von U.D.O. mit dem Bundeswehr Musikkorps das Highlight des Festivals. Auch wenn sich die Musik der Band jetzt nicht unbedingt durch sonderlich komplexe und filigrane Kompositionen auszeichnet – der Trademark Sound kommt einfach aus einer anderen Ecke – so gehoert das 1990er Album “Faceless World” nach wie vor zu meinen Lieblingsalben aus der Metal-Ecke. Die Idee diesen Sound dann mit einem git 60 Personen starken Blechblasorchester zu anzureichern klang in jedem Fall schon einmal spannend. Nun gehoere ich sicherlich nicht zu den Leuten, fuer welche eine solche Zusammenarbeit ein “done Deal” ist – zu haeufig ist mir untergekommen, dass das Orchester doch akustisch untergeht oder letzten Endes nur das spielt, was anderweitig von den Keyboards uebernommen wuerde. Davon konnte hier nun wirklich nicht die Rede sein.

Einen ersten Hoereindruck konnte ich am Mittag zeitens des Soundcheck gewinnen: auch wenn der komplette Bereich vor den beiden grossen Buehnen noch nicht fuer die Festival-Besucher freigegeben war, schallte die neu arrangierte Version von “Future World” (“Faceless World”, 1990) deutlich zu erkennen ueber die Felder. War nur ein kleiner Auszug, welchen es bei der Gelegenheit zu hoeren gab – schliesslich ging es ja mehr um das Ausbalancieren der Musikinstrumente (und natuerlich auch des Gesangs) – aber dies reichte schon vollkommen aus um Appetit auf mehr zu machen. Und dies gab es dann auch (wie sich anhand der Setlist erkennen laesst):

  1. Star Wars Theme (orchestra only)
  2. Das Boot (orchestra only)
  3. Animal House
  4. Future Land
  5. Independence Day
  6. Heart of Gold
  7. Man and Machine
  8. Faceless World
  9. Book of Faith
  10. Cut Me Out
  11. Stillness of Time
  12. Trainride in Russia (Poezd Po Rossii)
  13. King of Mean
  14. Metal Heart (Accept cover)
  15. Princess of the Dawn

Sehr erfreut war ich unter anderem darueber, dass das “Faceless World” Album gleich mit drei Stuecken vertreten war. Aber auch der Accept-Klassiker “Metal Heart” war in der Kombination von Band und Orchester wirklich hoerenswert. Einen grossen Anteil daran hatten natuerlich die Arrangements, welche eine sehr schoene Balance zwischen Band und Orchester gefunden haben: statt einfach nur redundant Melodiepassagen zu doppeln (wie dies beim Trans-Siberian Orchestra der Fall war), gab es hier einen wirklichen Mehrwert, eben eine Summe groesser als die Einzelteile. Wer sich da mehr schlau machen moechte, dem seien u.a. die Artikel auf den Seiten der Streitkraeftebasis an Herz gelegt:

Wer dann doch lieber bewegte Bilder sehen und einen Hoereindruck bekommen moechte, dem seien die Beitraege der ZDF Drehscheibe empfohlen:

Savatage & Trans-Siberian Orchestra

Rein nach den Ankuendigungen war das noch groessere Highlight des Tages (und vielleicht sogar des Festivals) fuer spaeter am Abend angesagt: eine Reunion von Savatage kombiniert mit einem Auftritt des Trans-Siberian Orchestra.

In 1986, two men met each other for the first time, introduced by executives at Atlantic Records. The unlikely pair hit it off and formed a team that would eventually write and release classic albums like Hall Of The Mountain King, Streets, and Dead Winter Dead. Constantly striving to push the envelope of rock and metal, it evolved into Savatage being called the world’s first progressive metal band. The team also had a vision for taking the dynamics of progressive rock to a new level. Taking the best from the worlds of rock and classical and putting together multiple singers to not limit themselves, Trans-Siberian Orchestra was born.

These two men will be here next year, Paul O’Neill and Jon Oliva on stage together and they will present to Wacken their past, present and future.

Trans-Siberian Orchestra will be performing live at Wacken in 2015 followed immediately by a Savatage reunion that marks their first performance in over a decade.

Was sich da auf Papier (oder eben online) sehr spannend las, war im Ergebnis auf der Buehne eine eher gemixte Erfahrung. Wo es in musikalischer Hinsicht keinerlei Zweifel gab, war bei dem ersten Segment der Show, welches von Savatage bestritten wurde: diese Formation ist einfach legendaer fuer ihren dichten Sound und die haeufig am besten als dramatisch zu bezeichnenden Kompositionen. Die Setliste an diesem Abend war ein recht schoener Querschnitt (mit Vollstaendigkeit haette man erst garnicht rechnen muessen):

  1. Gutter Ballet
  2. 24 Hrs. Ago
  3. Edge of Thorns
  4. Jesus Saves
  5. The Storm
  6. Dead Winter Dead
  7. Hall of the Mountain King

Vor allen Dingen bei “Gutter Ballet” und “Edge of Thorns” wurde sehr schoen klar, fuer welchen Sound die Band bekannt geworden ist – da ist wirklich kein Instrument zu viel oder zu wenig. Was den Gesang betrifft so kann man sich einfach auf Jon Oliva verlassen, der es versteht seiner Stimme angemessen Gehoer zu verschaffen; ist ein paar Jahre her, da waren “Jon Oliva’s Pain” bei ProgPower Europe und habe dort so richtig eingeheizt. Nun ist Wacken mit Sicherheit gleich ein paar Nummern groesser, aber die Musik funktioniert wahrscheinlich von einer Buehne so ziemlich jeder Buehne.

Gerade letzteres kann man von Trans-Siberian Orchestra definitiv nicht behaupten: die Truppe bringt einfach deutlich mehr Musiker auf die Buehne und bedient sich einer entsprechend aufwendigen Video- und Pyrotechnik-Show, so dass Wacken da sicherlich den wuerdigen Rahmen bietet. Was die Musik allerdings betrifft, so war ich nicht unbedingt ueberzeugt: nicht weil die Musiker nicht wissen wie sie ihre Instrumente bedienen sollen (das kann man bei der Truppe recht schnell ausschliessen), sondern weil die Kompositionen und Arrangements einfach in keinem Verhaeltnis zur Anzahl der beteiligten Personen stehen. Sicher, der Sound ist recht fett – vor allen Dinge weil die Band durch eine Gruppe von Streichern unterstuetzt wird – aber eben im Verhaeltnis recht einfach gehalten; ein und die gleiche Melodielinie von einem Dutzend Instrumenten spielen zu lassen macht durchaus einen voluminoesen Klang (auch von der Lautstaerke her), aber dies kann ich auch erzielen indem ich die Keyboard-Sounds mehrfach uebereinander lege. Was ich zuvor in Bezug auf Savatage sagte gilt fuer TSO definitiv nicht: fuer die Musik sind deutlich zu viele Instrumente auf der Buehne, welche keinen eigenen Beitrag abliefern. Waehrend dies dann in einem Falle zu einer gewissen Redundanz fuehrt, verursacht dies in anderen Faellen etwas das ich nicht anders als Schwerfaelligkeit bezeichnen kann: dies wurde fuer recht offentsichtlichen bei den Savatage Stuecken, welchen in der TSO Variante einfach die Agilitaet und Energie fehlte.

Gross angekuendigt – und entsprechend beworben – war der dritte Teil des Konzerts: nach dem beide Formationen zunaechst alleine spielten, gab es zum Abschluss noch ein gemeinsames Musizieren. Die Tatsache, dass dies dann ueber zwei Buehnen verteilt war, wirkte mitunter ein wenig seltsam, da einfach die direkte Interaktion zwischen den beteiltigten Musikern fehlte.

  1. The Mountain
  2. Carmina Burana
  3. Turns to Me (Savatage cover)
  4. Another Way (Savatage cover)
  5. Piano Solo
  6. Mozart and Memories
  7. Morphine Child (Savatage cover)
  8. King Rurick (First live appearance of new song)
  9. Believe (Savatage cover)
  10. Chance (Savatage cover)
  11. Christmas Eve (Sarajevo 12/24) (Savatage cover)
  12. Requiem (The Fifth)

Von dem letzten Set habe ich garnicht mehr alle Stueck direkt vor der Buehne mitbekommen, sondern lediglich auf dem Weg zum Bus nach gelauscht. Auch wenn das dritte Segment insgesamt wieder besser als die reine TSO Performance war, so fand ich nicht, dass das Ergebnis – anders als bei U.D.O. – groesser als die Summe der Einzelteile war. Auch mit ein wenig Abstand aendert sich an diesem Urteil nichts.

Alles in allem war es aber aus musikalischer Hinsicht ein recht ergibiger Tag und ein Stueck weit von dem, was ich eigentlich bei einem Festival erwarten wuerde: eine Kombination von bekannten Akts und interessanten Neuentdeckungen.