Nachdem wir die Tickets – da aber noch fuer das Konzert in Duesseldorf – bereits im Sommer bekommen hatten, war es am gestriegen Abend nun so weit: in der Koelner Lanxess Arena machte der Deutschland-Ableger der Night of the Proms Station. Hier von Bonn ist dies ja ein recht kurzer Trip, so dass trotz der Konzertdauer von gut dreieinhalb Stunden die Ankunft zurueck zu Hause immer noch zu einer ertraeglichen Zeit war.

Was die musikalische Darbietung im Rahmen der Konzertreihe betrifft war bereits von Beginn an ein wenig im Zweifel: vor allen Dingen Dank YouTube gibt es doch einiges an Hoerproeben aus den vergangenen Jahren, so dass es zumindest die Moeglichkeit gibt, sich mit dem grundelegenden Setup vertraut zu machen. Liest man sich die offizielle Beschreibung (“Die Idee”) durch, dann gibt es alleine schon an diesem Punkt sehr unterschiedliche Varianten der Reaktion:

Die Night of the Proms ist ein in Europa einzigartiges Musik-Event. Seit 1994 begeistert die Show eine stetig wachsende Fangemeinde in Deutschland. Hier treffen Klassik auf Pop, Arie auf Charthit, Anzug auf Lederjacke, Stilettos auf Chucks und Tschaikowsky auf Boy George.

Wie keine andere Veranstaltung steht die Night of the Proms für den Brückenschlag zwischen allen musikalischen Genres. Genau diese Mischung hebt sie von allen anderen Konzerten ab und verleiht ihr einen unvergleichlichen Erlebniswert. Dass sich in jedem Jahr viele der mehr als 100.000 Menschen Karten für die Shows im Vorverkauf sichern, ohne zu wissen, welche Stargäste sie erwarten, ist Ausdruck für das über die Jahre gewachsene und immer wieder bestätigte Vertrauen der Fans in die Qualität der Shows.

Die Tatsache alleine, dass man hier probiert unterschiedliche musikalische Richtungen zusammenzubringen, ist nicht unbedingt das Problem: fuer meinen Geschmack gibt es bisher aber nur sehr wenige Projekte, wo eine Synthese wirklich gelungen ist und sich ein ganzes ergibt, welches in der Tat groesser ist, als die Summe der Einzelteile. Die Annahme, dass eine Zusammenlegung von Orchester und Band automatisch einen Mehrwert mit sich bringt – das Orchester wertet die Pop-Musik auf, die Pop-Musik verleiht den klassischen Passagen ein moderneres Gewand – ist meiner Ansicht bisher daneben gegangen, als dass dabei wirklich etwas qualitativ hochwertiges herausgekommen waere. Vor allen Dingen im Anschluss an das Konzert bin ich noch einmal ein wenig in mich gegangen, um mir wieder die Faelle in Erinnerung zu bringen, in welche (meiner Meinung nach) die Symbiose wirklich gelungen ist.

Ein paar Hoertips gibt es zum Schluss… zunaechst aber mal der gestrige Abend in der Zusammenfassung.

NOTP 2015 - Low points

Fangen wir einmal mit dem unteren Ende der Skala an: von den Acts an diesem Abend gab es zwei, welche ich als entweder unnoetig oder vollkommen unpassend einstufen wuerde. in erste Kategorie fallen fuer mich Scala & Kolacny Brothers, welche fuer mich einfach nur nach einmal Schulchor klangen, welcher einfach ein groessers Orchester im Hintergrund mitspielen hatte. Keine eigenen Kompositionen, sondern alles eher bekannte Pop-Songs, um einen entsprechend hohen Wiedererkennungswert zu haben. Das war keinesfalls gut fuer den Eindruck, denn die Interpretation von so bekannten Songs wie “With or without you” (U2) wurde schon nach kurzer Zeit recht langweilig. Im wesentlichen Schuld daran war die Tatsache, dass die gut 20 Saengerinnen ihre ausreichende Zahl nicht genutzt haben, um mehrstimmig das Klangfeld zu oeffnen.

Der von offizieller Seite als Hoehepunkt des Abends angekuendigte Auftritt der Beach Boys war in meinen Augen der absolute Tiefpunkt des Abends: nicht nur dass die alten Herren merkliche Schwierigkeiten mit ihrer Stimme hatten, die ganze Grundstimmung der Performance wollte ueberhaupt nicht zu dem Rest des Abends passen. Einer Kommentare auf der NOTP Fanpage drueckte dies folgendermassen aus:

Tja, die Beach Boys. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Ohne stimmlichen Support wäre das nix geworden. Ich brauche auch keinen Senior, der unbedingt noch zeigen will, dass er nicht zum alten Eisen gehört und Jungspunt-Posen macht bzw. auf der Bühne wie Otto zu seinen besten Zeiten herum hüpft. Man sollte wissen, wann man in Würde aufhört.

Dass die alten Herren diesen Zeitpunkt nicht so ganz einschaetzen koennen, laesst sich ja noch einigermassen verstehen – mir dies aber seitens der Veranstalter als eine Besonderheit verkaufen zu wollen, ist recht gewagt.

Einer der bemerkenswerten Punkte bei dem Auftritt war, dass waehrend der kompletten Zeit der grosse Schirm im Hintergrund dafuer genutzt wurde, um Bilder aus den vergangenen Tagen der Band zu zeigen – offensichtlich musste das Nostalgie-Gefuehl noch einmal extra befeuert werde, um ueber die ganz offensichtlichen Schwaechen der Performance hinweg zu helfen.

NOTP 2015 - middle ground

Im musikalischen Mittelfeld des Abends bewegten sich die folgenden drei Acts:

Maria Mena kann ich mir durch mit eigener Band (oder alleine) in einem kleineren Rahmen vorstellen (so wie im Februar bei Alison Moyet). Die Dame bringte eine gewisse Zerbrechlichkeit mit auf die Buehne, welche bei einer so grossen Produktion leider verloren geht. Koennte ich mir durchaus vorstellen in der naechsten Zeit noch einmal mit ein wenig mehr Ruhe (und bei reduzierter Instrumentierung) reinzuhoeren.

Der aus Puerto Rico stammende Fernando Varela wurde mit lobenden Worten als der Klassiksolist des Abends angekuendigt. Leider war von der guten Stimme des Mannes nur in einem Stueck – dem anscheinend unumgehbaren “Nessun Dorma” – wirklich etwas zu hoeren; ansonsten gab es noch ein Duet (mit einer im unmittelbaren Vergleich noch schlechter als alleine abschneidenden Gesangspartnerin) sowie einige Pop-Nummern. Sehr schade, dass der junge Mann nicht mehr Gelegenheiten bekam, um sich dem Publikum zu praesentieren – mit geschuldet war dies wohl auch dem Umstand, dass der klassische Musikanteil des Abends recht gering war.

Orchestral Manoeuvres in the Dark (OMD) haben eine solide – wenn auch in der Choregraphie eigenwillige – Performance abgelegt. Ich muss zugeben, dass ich mich mit den Herren bisher noch nicht intensiver beschaeftigt habe, aber von der Art her ist man mit Bands wie e.g. Depeche Mode, Pet Shop Boys, Yazoo, etc. schon einmal in der richtigen Ecke. Das Zusammenspiel mit dem Orchester war jetzt nicht unbedingt spektakulaer, aber der Kern der Musikstuecke blieb durchaus erhalten.

NOTP 2015 - Highlights

Grundsolide war die Darbietung von John Miles, der wohl schon seit langem mehr oder weniger fester Bestandteil der NOTP ist. Einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu liefert vor allen Dingen “Music”, was ein bischen den Charakter der Konzert-Reihen Hymne erhalten hat. Fuer mich vollkommen berechtigt, weil dies eigentlich das einzige Stueck an diesem Abend war, welches von vorne herein fuer eine derartige Besetzung komponiert ist. Zwar ist ist die Studio-Fassung auf dem 1976er Album “Rebel” nicht ganz so bombastisch, dieses Wechselspiel zwischen kleinerer Bandbesetzung und grossem Orchester ist hier definitiv angelegt. Auch in diesem Falle war es sehr Schade, dass es nicht mehr als drei Musikstuecke gabe (da haette man vom Ende des Abends durchaus einiges umverteilen koennen).

Fuer mich eine unerwartete Neuentdeckung war der deutsche Beitrag in dem Programm, Johannes Oerding. Sehr schoen solide gemachte Musik mit Texten, bei welchen es sich lohnt genau hinzuhoeren: egal ob selbst-ironisch witzig (“Traurig aber wahr”) oder nachdenklich-poetisch (“Heimat”) – da koennte ich mir durchaus mal einen kompletten Abend in einem intimeren Setting vorstellen. Ich muss bei der Kombination von Text und Musik ein wenig an Pur und Herbert Groenemeyer denken (ich meine dies durchaus im positiven Sinne). Habe heute schon ein klein wenig wenig auf YouTube gestoerbert und dabei einige Aufnahmen gefunden – kann ich mit sehr gutem Gewissen weiterempfehlen.

Anspieltips

Ich bleibe bei meiner schon am Samstag Abend getroffenen Aussage: was die Kombination von Rockband und Orchester (das kann man ruhig ein wenig weiter fassen) betrifft haben U.D.O. mit ihrem Auftritt beim W:O:A 2015 definitiv fuer dieses Jahr den Vogel abgeschossen. Von dem Auftritt beim Festival gibt es leider nur wenige Mitschnitte, aber das “Navy Metal Night” Album (welches ein wenig frueher entstanden ist) steht dem nichts nach. Reinhoeren!

Bei einigen Ausgaben der NOTP gespielt, gestern aber nicht dabei: “La Sagrada Familia” vom 1987er Alan Parsons Project album “Gaudi”. Dieses Stueck haette den Abend toll aufwerten koennen, aber war leider nicht.

Wirklich etwas neues entstanden ist mit dem 1999er “S&M” Album von Metallica: in Zusammenarbeit mit dem San Francisco Symphony ist ein Konzert-Dokument entstanden, wo die unterschiedlichen Klangkoerper toll aufeinander abgestimmt sind und somit in der Kombination ein Ergebnis liefern, welches sich wirklich hoeren laesst.